Im Zuge des Zollstreits mit den USA werden in der Schweiz die Rufe nach höheren Medikamentenpreisen und besserem Zugang für innovative Medikamente immer lauter. Doch im Faktencheck des Bundesrates im Rahmen seiner Antworten gegenüber dem Parlament zeigt sich: Zum einen sind die Medikamentenpreise in der Schweiz im Vergleich zu ihren Nachbarländern europaweit bereits mit am höchsten. Zum anderen hält der Bundesrat das zweite Kostendämpfungspaket für ausgewogen – mit klaren Verbesserungen bei der Zulassung von neuen Medikamenten. Er fordert die Pharmabranche deshalb auf, bestehende und neu hinzukommende Instrumente zur schnelleren Zulassung und Vergütung neuer Medikamente konsequent zu nutzen.
In seinen Stellungnahmen zu aktuellen parlamentarischen Vorstössen widerlegt der Bundessrat die Forderungen der Pharmabranche nach Preiserhöhungen mit klaren Aussagen zur Entwicklung der Medikamentenpreise in der Schweiz:
• Insgesamt sind die Medikamentenkosten in den vergangenen zehn Jahren deutlich stärker gestiegen als andere Gesundheitsbereiche. Sie erreichten 2024 9,2 Milliarden Franken (+58 %) bzw. 1’024 Franken pro Person (+43 %) und durchbrechen 2025 beinahe die Schallmauer von 10 Milliarden Franken.
• Im gleichen Zeitraum hat sich das Preisniveau von neuen Medikamenten beinahe verdoppelt. Einen grossen Anteil am Kostenanstieg haben teure Krebsmedikamente. Auch hochpreisige Therapien für seltene Krankheiten sowie neue Medikamente gegen häufige Erkrankungen wie Asthma, Neurodermitis oder Multiple Sklerose tragen dazu bei. Hinzu kommen breit eingesetzte Medikamente gegen Diabetes und Adipositas.
• Ein Auslandpreisvergleich der Krankenversicherer und der Pharmaverbände von 2024 zeigt auf, dass die patentgeschützten Medikamente ohne Preismodell auf Basis von Fabrikabgabepreisen im Durchschnitt 13 Prozent günstiger sind als in der Schweiz. Bei den Generika und Biosimilars sind die Preisunterschiede noch wesentlich grösser.
• Der Bundesrat nimmt ausserdem zu einer Forderung Stellung, wonach die Medikamentenpreise kaufkraftbereinigt in den Auslandpreisvergleich einfliessen sollen:
«Zu erwähnen ist ausserdem, dass bei der Preisfestsetzung die Kaufkraft durch den Vergleich mit Ländern hoher Kaufkraft oder Pharmastandorten im Auslandpreisvergleich sowie im therapeutischen Quervergleich mit Schweizer Preisen gebührend berücksichtigt wird. (…) Entsprechend zeigt der kaufkraftadjustierte Kostenvergleich der OECD vom November 2025 (OECD – Health at a Glance 2025), dass die Schweiz bezüglich Kosten pro Kopf (in USD) Nr. 3 von 33 OECD-Ländern ist: USA 1’713, Deutschland 1’158, Schweiz 1’061, Kanada 990, Japan 983, Italien 846, Österreich 845, Frankreich 813, Belgien 742, Finnland 655, Schweden 651, UK 557, die Niederlande 485, Dänemark 404. (…) Diese Daten deuten aus Sicht des Bundesrats darauf hin, dass die Schweizer Bevölkerung auch kaufkraftbereinigt in Europa hohe Kosten für Medikamente bezahlt».
Seitens prio.swiss halten wir fest, dass der Wechselkurs die korrekte Vergleichsbasis bietet, da er den effektiven Marktpreis abbildet. Die Kaufkraftparität zu verwenden, wäre nicht sachgerecht. Medikamente sind handelbare Güter: Sie werden an einem Ort hergestellt und in einer Vielzahl von Ländern vertrieben. Die Arbeit von Ärzten und Apotheken ist in den Tarifstrukturen und Tarifpreisen eingepreist. Logistische Leistungen und Vertrieb sind im Vertriebsanteil (Publikumspreis) der Medikamente eingerechnet.
• Kritisch beurteilt der Bundesrat zudem die Entwicklung, dass teurere patentgeschützte Medikamente oft ältere, günstigere Präparate ersetzen – selbst, wenn diese ähnlich wirksam sind.
• Auch fällt dem Bundesrat auf, dass in den letzten zehn Jahren zehn Mal mehr neue Originalmedikamente in die Spezialitätenliste aufgenommen als davon gestrichen wurden. Die sogenannte W.A.I.T-Studie zeigt auf, dass die Schweiz das zweitschnellste Land in Europa zwischen Zulassung und Vergütung ist. Dieser Prozess könnte nach Auffassung des Bundesrates noch wesentlich beschleunigt werden, indem die Pharma-Unternehmen ihre Gesuche mit dem relativ neu verfügbaren Early-Access-Verfahren einreichen.
• Der Bundesrat bekräftigt in seinen Antworten schliesslich, dass das zweite Kostendämpfungspaket rasch vorangetrieben werden soll. Im Bereich der Medikamente zielen dessen Massnahmen im Wesentlichen darauf ab, den Zugang zu neuen Medikamenten und die Versorgung mit wichtigen Medikamenten zu optimieren. Rund vier von fünf Massnahmen zielen darauf ab und haben ihren Ursprung in Forderungen der Pharmaindustrie. Bei der fünften Massnahme sollen die sogenannten Kostenfolgemodelle umgesetzt werden. Vorgesehen sind Mengenrabatte auf die 80 bis 100 umsatzstärksten, nicht versorgungsgefährdeten Medikamente, die eine kostendämpfende Wirkung von mindestens 350 Millionen Franken pro Jahr entfalten sollen.
Damit ist das Kostendämpfungspaket 2 insgesamt als ausgewogen zu betrachten. prio.swiss wird im Rahmen der Vernehmlassung zu dieser vom Parlament gewollten und somit zwingend umzusetzenden Massnahme Stellung nehmen.
Bern, März 2026