Smarter Medicine: Mehr Versorgungsqualität, weniger Kosten

Das Schweizer Gesundheitswesen muss eine qualitativ hochstehende Versorgung sichern, ohne das Kostenwachstum unnötig anzutreiben. Initiativen wie «Smarter Medicine – Choosing Wisely Switzerland» bieten dafür eine systemische Chance. Aus Sicht der Krankenversicherer verdienen sie Unterstützung – im Interesse der Prämienzahlerinnen und Prämienzahler sowie einer nachhaltigen Finanzierung der Grundversicherung.

In der Debatte um steigende Gesundheitskosten und Prämien gewinnt die Frage an Bedeutung, ob Leistungen und Behandlungen angemessen sind. Smarter Medicine – also der Ansatz, unnötige oder nur begrenzt sinnvolle Untersuchungen und Behandlungen zu vermeiden – spielte auch am nationalen Runden Tisch 2025 zur Kostendämpfung eine Rolle.

Mehr ist nicht immer besser

Nicht jede medizinische Leistung schafft Mehrwert. Redundante Untersuchungen und Eingriffe von zweifelhaftem Nutzen verbessern klinische Ergebnisse nicht und können sogar vermeidbare Risiken verursachen. Solche Praktiken zu reduzieren, bedeutet nicht, einfach nur weniger zu tun, sondern gezielter und evidenzbasierter zu behandeln.

Dafür steht «Choosing Wisely», eine aus der Ärzteschaft hervorgegangene und von den Krankenversicherern unterstützte Initiative. Smarter Medicine bedeutet einen Kulturwandel: Nicht das Leistungsvolumen, sondern der Patientennutzen soll im Zentrum stehen. Jede vermeidbare Leistung entlastet zudem die Allgemeinheit über Prämien und Steuern.

Von der Empfehlung zur Umsetzung

In der Schweiz gibt es bereits seit Jahren Empfehlungen im Bereich Smarter Medicine, ihre Umsetzung ist jedoch uneinheitlich. Das Projekt «Smarter Medicine vernetzt im Tessin» (SMARTi) will Daten der Krankenversicherer nutzen, um das Leistungsvolumen zu beobachten und ärztliches Verhalten im Peer-Vergleich zu analysieren. Regelmässige Berichte und gezielte Rückmeldungen sollen Unterschiede sichtbar machen und angemessenere Behandlungspraktiken fördern.

Neben dem Tessiner Gesundheitsdepartement, dem Tessiner Ärzteverband («Ordine dei medici»), dem Institut für Hausarztmedizin der Università della Svizzera italiana – USI und klinischen Vertretungen unterstützt auch prio.swiss das Projekt. Die Ziele: Mehr Angemessenheit, weniger Low-Value-Leistungen, eine bessere Ressourcenallokation, weniger Überversorgung sowie qualitätsorientierte und evidenzbasierte Versicherungsmodelle. Anonymisierte, vergleichbare Auswertungen stärken zudem Transparenz und professionelle Eigenverantwortung.

Krankenversicherer: Mehr koordinierte Versorgung

In einem solidarisch finanzierten Grundversicherungssystem wirkt sich jede unnötige Leistung auf die Prämien der gesamten Versichertengemeinschaft aus. Die Versicherer wollen klinische Entscheidungen nicht ersetzen, sondern als Partner evidenzbasierte Rahmenbedingungen fördern.

Dazu gehört die Unterstützung koordinierter Versorgungsmodelle und Netzwerke aus Leistungserbringern. Sie fördern integrierte Behandlungspfade und vermeiden Doppelspurigkeiten sowie unnötige Untersuchungen. Gleichzeitig können die Versicherer Transparenz und Information stärken sowie Patientinnen und Patienten besser in Entscheidungen einbeziehen.

Kein Gegensatz: Mehr Qualität, weniger Kosten

Smarter Medicine zeigt, dass Versorgungsqualität und Kostendämpfung keine Gegensätze sein müssen. Der Verzicht auf unnötige Untersuchungen senkt nicht nur die Kosten, sondern kann auch Angst, Überdiagnosen und Folgebehandlungen vermeiden. So erhalten Patientinnen und Patienten gezieltere Versorgung, Ressourcen werden besser genutzt und das Prämienwachstum kann ohne Qualitätseinbussen gedämpft werden.

Entscheidend bleibt die Zusammenarbeit zwischen Ärzteschaft, Spitälern, Patientinnen und Patienten, Versicherern und Behörden. Nur gemeinsam lassen sich Angemessenheit, Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit systematisch verankern. Smarter Medicine soll so zu einem nachhaltigeren, gerechteren und stärker am Patientennutzen orientierten Gesundheitswesen beitragen.

Marco Romano, Stv. Direktor von prio.swiss

Überarbeitete Version des Artikels: Marco Romano, Assicuratori per cure più appropriate, in La Turrita, N. 6 – Juni 2026

 

Bern, im August 2026