Digitalisierung im Gesundheitswesen kostet. Richtig angelegte Systeminvestitionen rechnen sich jedoch, sobald Prozesse medienbruchfrei laufen und Gesundheitsdaten sicher, strukturiert und systemübergreifend fliessen. Aus Sicht prio.swiss zwingend für den Erfolg, aber bisher im Rahmen des DigiSanté-Programms noch nicht wirklich erkennbar: Ein sauberes Rollenmodell mit klar abgegrenzten Aufgaben des Bundes, ein übergreifendes Gesamtkonzept sowie eine ausreichende Koordination der gesetzlichen Grundlagen.
Das Schweizer Gesundheitswesen bietet den Menschen eine hohe Qualität und breiten Zugang, steht aber auch unter erheblichem Anpassungsdruck: Kostenentwicklung und daraus resultierender Prämiendruck, Fachkräftemangel, Regulierungsverdichtung und technologische Rückstände gefährden langfristig dessen Effizienz und die Solidarität des Versicherungskollektivs. Wer auch künftig eine qualitativ hochwertige und für alle zugängliche Versorgung gewährleisten und finanzieren will, muss deshalb nicht nur über Tarife und Leistungen sprechen, sondern auch über Prozesse, Schnittstellen und Datenflüsse.
Digitalisierung ist dabei kein Selbstzweck. Der Business Case der Digitalisierung basiert auf seinen zwei Hauptnutzen: Sie erhöht die Patientensicherheit und macht Prozesse effizienter. Beides ist nötig, damit das Gesundheitswesen bezahlbar und qualitativ hochstehend bleibt.
Eine Million vermeidbare Medikationsfehler
Der erste Hauptnutzen einer konsequenten Digitalisierung liegt in der Qualität und der Patientensicherheit. Besonders deutlich wird dies bei der Medikation. Gemäss der Stiftung Patientensicherheit Schweiz sind in der Schweiz jährlich rund 20’000 Spitalaufenthalte auf medikamentenbedingte Probleme zurückzuführen. Jeder zehnte Spitalpatient ist von Medikationsfehlern oder unerwünschten Wirkungen betroffen. Riskant sind vor allem die Übergänge: Eintritt ins Spital, Austritt und Weiterbehandlung. Genau dort fehlen oft vollständige und aktuelle Informationen.
Andere Länder zeigen, was möglich ist: Eine Modellierung für den englischen NHS beziffert das Potenzial eines gemeinsamen digitalen Verschreibungsdatensatzes auf fast eine Million vermeidbare Medikationsfehler, bis zu 16’000 verhinderte Patientenschäden und bis zu 22 gerettete Leben pro Jahr. Dänemark setzt seit 2009 auf einen nationalen «Shared Medication Record», der berechtigten Gesundheitsfachpersonen Zugriff auf aktuelle und frühere Medikationen erlaubt und so Fehlmedikation, falsche Dosierungen und gefährliche Wechselwirkungen vermeiden soll.
Mehrfachaufwand ohne Mehrwert
Der zweite Hauptnutzen ist die Effizienz: Die von prio.swiss unterstützte «Papiertiger»-Kampagne der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin zeigt unnötigen Aufwand durch Doppeldokumentationen aufgrund inkompatibler IT-Systeme und nicht bearbeitbaren PDFs, besonders an den Übergängen zwischen Versorgungssektoren. Solche Arbeiten binden Fachpersonen, ohne den Patientinnen und Patienten einen direkten Mehrwert zu bringen.
Spürbare Kostendämpfung
Digitalisierung entlastet, wenn strukturierte Gesundheitsdaten systemübergreifend fliessen. Das reduziert Doppeluntersuchungen, Rückfragen und administrative Umwege, etwa bei den Kostengutsprachen. Eine Studie von McKinsey & Company und der ETH Zürich bezifferte das Nutzenpotenzial einer elektronischen Gesundheitsakte kombiniert mit E-Rezepten und E-Überweisungen auf rund 1,2 Milliarden Franken – pro Jahr! Das zeigt: Es geht nicht um Komfort, sondern um einen relevanten Beitrag zur Kostendämpfung.
Gemeinsame Standards statt Insellösungen
Damit Digitalisierung auch in der Schweiz wirkt, braucht es dringend gemeinsame Standards statt Insellösungen. prio.swiss setzt sich dafür ein, die Digitalisierung konsequent am Nutzen für die Versicherten auszurichten. Konkret engagiert sich der Verband für bessere Datenaustausch-Standards, etwa beim Rechnungsstandard. Auch arbeiten wir gemeinsam mit Leistungserbringern daran, administrative Belastung aufgrund unnötiger regulatorischer Vorgaben zu reduzieren.
Fehlendes Gesamtkonzept
Zudem unterstützt prio.swiss das nationale DigiSanté-Programm des Bundes. Damit die Investitionen in die digitale Infrastruktur nachhaltig Wirkung entfalten, müssen die gesetzlichen Grundlagen für sämtliche Elemente der künftigen Referenzarchitektur gut aufeinander abgestimmt sein. Entsprechende Regelungen entstehen derzeit parallel in verschiedenen Gesetzgebungsprojekten, unter anderem im Bundesgesetz über das elektronische Gesundheitsdossier und zum elektronischen Medikationsplan im Rahmen der Revision des Heilmittelgesetzes. Ein übergreifend abgestimmtes Gesamtkonzept und ein Umsetzungsplan, der diese Vorhaben zusammenführt, sind aus Sicht von prio.swiss derzeit noch nicht ausreichend erkennbar. Eine frühzeitige Koordination und die Einbindung der Branche sind deshalb entscheidend, um Doppelspurigkeiten, spätere Anpassungen und unnötige Kosten zu vermeiden.
Digitalisierung ersetzt nicht den Menschen in der Medizin. Sie schafft mehr Raum für ihn. Wenn Prozesse einfacher laufen, Informationen verlässlich verfügbar sind und administrative Umwege wegfallen, bleibt mehr Zeit für die Beratung und Behandlung, die zugleich sicherer und damit qualitativ hochstehender wird. Genau darin liegt der Wert der Digitalisierung: Mehr Sicherheit, mehr Effizienz und ein Gesundheitswesen, das finanzierbar bleibt.
Julia Biller, Leiterin des Bereichs Standardisierung, Qualität & HTA bei prio.swiss
Quellen:
- McKinsey & Company / ETH Zürich: Digitalisierung im Gesundheitswesen: Die 8.2-Mrd.-CHF-Chance für die Schweiz: digitalisierung im gesundheitswesen die 82mrdchance fr die schweiz de.pdf
- Stiftung Patientensicherheit Schweiz: Sichere Medikation an Schnittstellen
- Estimating the impact on patient safety of enabling the digital transfer of patients’ prescription information in the English NHS | BMJ Quality & Safety
Überarbeitete Version des Artikels: Julia Billier, Le virtù del digitale, in Ticino Management, N. 6-7 – Juni 2026
Bern, im August 2026