«Papiertiger»: Ärzteschaft und Versicherer gemeinsam gegen zu viel Bürokratie im Gesundheitswesen

Bern, 9. April 2026

Der «Papiertiger» gegen unnötige Bürokratie im Gesundheitswesen nimmt Fahrt auf: Bereits eine Woche nach seinem Start erklärt prio.swiss, der Verband der Schweizer Krankenversicherer, den Beitritt zur Kampagne und sagt seitens der Branche die volle Unterstützung des Anliegens zu. Die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin, SGAIM, begrüsst als Kampagneninitiantin den Beitritt der Versicherer ebenso wie die FMH, der Berufsverband der Schweizer Ärztinnen und Ärzte. FMH und prio.swiss arbeiten bereits in einem weiteren gemeinsamen Projekt zum Abbau unnötiger Bürokratie zusammen. Die nun veröffentlichten Umfrageergebnisse und die Aktion mit dem Aufkleber des «Papiertigers» der SGAIM liefern für diese Kooperation wertvolle Hinweise und konkrete Ansatzpunkte. Beide Seiten sind sich einig: Ärzteschaft und Versicherer leiden gleichermassen unter der ständig zunehmenden Bürokratie, die wertvolle Ressourcen bindet – die alle viel lieber in die Betreuung und Begleitung ihrer Patientenschaft und ihrer Versicherten sowie in den weiteren Abbau der Verwaltungskosten investieren würden.

FMH und prio.swiss haben darum unlängst bereits ein gemeinsames Projekt zum Abbau unnötiger Bürokratie im Gesundheitswesen auf den Weg gebracht. «Wir haben zusammen mit der FMH einen systematischen Prozess entwickelt, in dem wir unnötigen administrativen Aufwand strukturiert identifizieren, gemeinsam Lösungsansätze erarbeiten sowie konkrete Massnahmen zusammen planen, umsetzen und evaluieren. Die Ergebnisse des «Papiertigers» können hier direkt mit einfliessen und wichtige Ansatzpunkte aufzeigen», ist Saskia Schenker, Direktorin prio.swiss, überzeugt.

Spannungsfeld zwischen Regulation und wichtiger Kontrolle

Die gemeinsame Arbeit ermöglicht wechselseitig einen konkreten Einblick in den operativen Alltag sowie ein Verständnis für die Rolle und Aufgaben der jeweils anderen Seite. So wird zum Beispiel deutlich, dass die meisten Rückfragen der Versicherer auf regulatorischen Vorgaben des Bundesamts für Gesundheit, BAG, oder des Gesetzgebers zurückgehen. Eine wichtige Aufgabe der Krankenversicherer ist unter anderem, regulatorisch vorgegebene Auflagen, sogenannte Limitationen, oder Kriterien der Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit zu prüfen, bevor sie eine Leistung, ein Medikament oder ein medizinisches Hilfsmittel bezahlen dürfen. Die regulatorischen Vorgaben für diese Aufgabe werden jedoch immer mehr und oft auch komplexer. Sowohl Ärztinnen und Ärzte als auch Versicherer sind sich einig, dass sie, wo immer möglich, vereinfacht werden sollen.

Papierflut statt kompatiblem Datenfluss

Der zweite massgebliche Grund für die immer stärker wachsende Bürokratie sind die fehlenden Voraussetzungen für einen funktionierenden digitalen Datenaustausch. Zum einen ist der Grad der Digitalisierung im Schweizer Gesundheitswesen unterschiedlich weit vorangeschritten. Vor allem können aber die vorhandenen digitalen Instrumente nicht kompatibel miteinander kommunizieren: «Wir brauchen dringend digitale Standards, damit die digitalen Systeme effizient und papierfrei Daten austauschen können – ohne dass manuelle Doppel- und Dreifacharbeiten anfallen. Hierfür muss die Politik endlich die Grundlagen schaffen», fordert FMH-Präsidentin Yvonne Gilli. Auf Basis solcher digitaler Standards liessen sich dann auch die notwendigen Rückfragen der Versicherer effizienter bearbeiten.

Auch Kampagneninitiant Sven Streit von der SGAIM ist überzeugt: Ein erheblicher Teil der unnötigen Administration ist der mangelnden Interoperabilität und den fehlenden Standards geschuldet. «Unnötige Administration kommt meist auf Papier oder als PDF in Praxen und Spitälern daher. Genau hier setzt der «Papiertiger» an: Er sensibilisiert und macht unnötige Bürokratie sichtbar – damit alle Beteiligten gemeinsam konkrete Lösungen suchen können, um diese abzubauen.»

Medienkontakt

Saskia Schenker
Direktorin prio.swiss
media@prio.swiss
058 521 26 26

Yvonne Gilli
Präsidentin FMH
kommunikation@fmh.ch
031 359 11 50

Sven Streit
Leiter Kampagne Papiertiger SGAIM
sven.streit@unibe.ch
031 684 58 75

Was ist der «Papiertiger»?

Der «Papiertiger» ist eine nationale Kampagne der SGAIM und ihrer Partner mfe, vsao, JHaS, SYI, Société Vaudoise de Médecine, SPO sowie SVA zur Reduktion unnötiger administrativer Aufgaben im Gesundheitswesen. Grundlage ist eine breit abgestützte Umfrage unter über 1800 Gesundheitsfachpersonen aus der ganzen Schweiz, die zeigt: Ein relevanter Teil der täglichen Arbeit bringt keinen medizinischen Mehrwert und bindet Ressourcen in der Versorgung. Zentrales Element der Kampagne ist die Sichtbarmachung unnötiger Administration im Alltag – etwa durch den «Papiertiger»-Aufkleber. Diese konkrete Markierung soll Diskussionen auslösen und den Weg für strukturelle Verbesserungen ebnen. Ziel ist es, das entstehende Momentum gezielt zu nutzen, um gemeinsam mit allen Beteiligten Lösungen umzusetzen. Gemeinsam verfolgen sie ein klares Ziel: Wir behandeln Menschen, nicht Formulare!