Health Technology Assessments (HTA) ermöglichen es, Leistungen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) systematisch auf ihre Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit (WZW) zu überprüfen. Sie liefern damit eine wichtige Grundlage für Entscheide darüber, ob und unter welchen Bedingungen Leistungen von der OKP vergütet werden sollen.
In der Schweiz hat sich HTA in den vergangenen Jahren zunehmend etabliert. Seit 2017 verfügt das BAG über eine eigene HTA-Einheit. Heute ist HTA ein wichtiges Instrument zur Umsetzung der WZW-Kriterien nach Art. 32 KVG – insbesondere zur periodischen Überprüfung bereits vergüteter Leistungen.
Das Potenzial ist jedoch noch nicht ausgeschöpft. «Entscheidend ist, dass wir systematisch jene Bereiche identifizieren, in denen relevante Zweifel an der Wirksamkeit, Zweckmässigkeit oder Wirtschaftlichkeit bestehen», sagt Markus Gnägi, stellvertretender Leiter Standardisierung, Qualität & HTA bei prio.swiss. «HTA soll dort eingesetzt werden, wo eine Überprüfung einen konkreten Mehrwert für die Versorgungsqualität und die Wirtschaftlichkeit der OKP schaffen kann.»
Sieben neue Themen beim BAG eingereicht
prio.swiss setzt sich für einen evidenzbasierten, modernen und finanzierbaren OKP-Leistungskatalog ein. Dazu gehört auch, bestehende Leistungen regelmässig zu überprüfen und die Vergütungsbedingungen bei Bedarf anzupassen.
Um geeignete Themen frühzeitig zu identifizieren und auszuwählen, arbeitet prio.swiss eng mit den Krankenversicherern und der Sektion HTA des BAG zusammen. Am 8. September 2026 hat prio.swiss gemeinsam mit den Versicherern sieben neue HTA-Themen beim BAG eingereicht.
Drei Vorschläge betreffen medizinische Leistungen: Geprüft werden soll, ob bei einem Herzinfarkt alle verengten Herzgefässe bereits während des ersten Spitalaufenthalts behandelt werden können, sodass ein zweiter Spitalaufenthalt vermieden werden kann.. Ein weiteres Thema betrifft den Nutzen von CT-Untersuchungen bei unspezifischen Kopfschmerzen ohne Warnzeichen. Zudem soll eine sehr teure neue Immuntherapie bei bestimmten Formen von fortgeschrittenem Hautkrebs überprüft werden.
Vier Themen betreffen Arzneimittel: Geprüft werden günstigere Nachahmerpräparate der Wirkstoffe Adalimumab und Ustekinumab, das Medikament Vabysmo zur Behandlung der altersbedingten Makuladegeneration sowie Medikamente wie Wegovy und Mounjaro zur Behandlung von starkem Übergewicht.
Einsparpotenzial von bis zu 69 Millionen Franken
Für drei der sieben eingereichten Themen lässt sich das mögliche Einsparpotenzial bereits grob beziffern. Bei CT-Untersuchungen wegen unspezifischer Kopfschmerzen liegt es je nach Annahmen bei 3,9 bis 28,5 Millionen Franken pro Jahr. Durch einen stärkeren Einsatz günstiger Nachahmerpräparate werden für Adalimumab weitere 8 bis 10 Millionen Franken und für Ustekinumab 10 bis 30 Millionen Franken an möglichen Einsparungen pro Jahr geschätzt.
Insgesamt ergibt sich damit ein geschätztes Einsparpotenzial von rund 22 bis 69 Millionen Franken pro Jahr. Bei den weiteren Themen bestehen ebenfalls relevante Kostenvolumen, das tatsächlich realisierbare Einsparpotenzial lässt sich derzeit jedoch noch nicht verlässlich beziffern.
«Bei HTA geht es nicht nur darum, Leistungen zu streichen oder Kosten zu senken», betont Gnägi. «Es geht darum, auf Basis wissenschaftlicher Evidenz zu prüfen, ob Leistungen zielgerichtet eingesetzt werden und ob gleichwertige, aber wirtschaftlichere Alternativen bestehen – ohne Abstriche bei der Versorgungsqualität.»
HTA als kontinuierliche Aufgabe
Das BAG prüft nun die eingereichten Vorschläge und entscheidet, welche Themen für eine vertiefte Evaluation ausgewählt werden. prio.swiss wird den Prozess begleiten und gemeinsam mit den Versicherern weiterhin systematisch nach geeigneten HTA-Themen suchen. Die Evaluation der eingereichten HTA-Themen durch das BAG und die zuständigen Kommissionen dürfte mehrere Monate dauern; mit einem Entscheid über die Auswahl der Themen ist voraussichtlich im Verlauf des Jahres 2027 zu rechnen.
«Medizin und Technologie entwickeln sich laufend weiter. Deshalb muss auch regelmässig überprüft werden, ob die von der OKP finanzierten Leistungen weiterhin die WZW-Kriterien erfüllen», sagt Gnägi.
HTA soll damit verstärkt als kontinuierliches Instrument zur Weiterentwicklung des OKP-Leistungskatalogs genutzt werden – mit dem Ziel, die Qualität der Versorgung zu stärken und die vorhandenen Mittel möglichst wirksam und wirtschaftlich einzusetzen.
Bern, im September 2026